Ambiguitätstoleranz


Vor 30 Jahren in Kloten. Mein Job: Marketing + PR eines weltweit führenden IT-Unternehmens in der Schweiz. Die grösste IT-Messe steht bevor (Budget > 3 Mio., Standbesetzung > 100 Personen). Wir: Unter Volldampf Tag und Nacht!

Gegen 23.00 Uhr taucht der CEO auf und fragte: Schafft ihr alles zum Messebeginn? Müsst ihr nachts arbeiten? Wir schaffen's, antwortete ich, und dass es sicher die beste und erfolgreichste Messeteilnahme für unsere Firma wird, die es je gab. Und wir uns ja vollends identifizieren mit dem Unternehmen und dem, was wir tun...

 

Du identifizierst Dich mit der Firma? fragte er. Klar, mit Haut und Haar, antwortete ich. Er musterte mich. Roth, sagte er, das kann ich nicht gebrauchen. Ich will nicht, dass sich meine Leute mit dem Unternehmen identifizieren. Also, gewöhn dir dies ab und deinen Leuten auch.

 

Er bemerkte die in mir spontan aufkommende Identitätskrise und sagte: Ich bin zwar der oberste Kopf hier, doch ich identifiziere mich nicht mit dem Unternehmen und meine Leute sollen dies auch nicht. Sie sollen gesund, kritisch und leistungsfähig sein und bleiben und dafür ist ein kleiner Abstand sehr hilfreich.

 

Ich schluckte. "Was dann?" stammelte ich. Wir sind hier alle hochmotiviert, engagiert, verantwortungsvoll und wollen zum besten Erfolg beitragen.

 

Roth, sehr gut und behalte dies bei, aber identifiziere dich nicht mit der Firma. Solidarisiere dich mit ihr, mit den Zielen, der Philosophie, den Produkten, den Kunden, den Kollegen. Aber behalte einen Abstand. Betrachte alles mit Abstand, positiv, kritisch, auch das, was du selbst tust. Hast du schon mal von der Ambiguitätstoleranz gehört? Und dann erklärte er mir: Wenn deine Identität vom deiner Arbeit abhängt, wo bleibt sie, wenn es den Arbeitgeber, den Job nicht mehr gibt? Ist deine Identität dann im Eimer? Oder was ist mit deiner Identität, wenn wenn du den Arbeitgeber wechselst? Glaube mir, mit etwas Abstand und auch selbstkritisch, aber voll solidarisch machen wir den besten Job. Und noch wichtiger: Du brennst nicht aus und behältst deine Identität, Offenheit und Leistungsfähigkeit.

Er verabschiedete sich mit: Solidarisieren ja, aber nicht indentifizieren. Okay Roth?

 

Eingebrannt! Für immer. In den folgenden dreissig Berufsjahre, vor allem als Erwachsenenbildner, Consultant und Coach, half mir ambiguitätstolerant zu sein in sehr vielen Situationen und auch Krisen. Insbesondere, wenn es emotional zu und her ging mit der eigenen Herzblutfirma. Oder in der Arbeit mit Stellensuchenden, dem Coachen von Burnout-Klienten oder dem Wiedereingliedern von Invaliden in den ersten Arbeitsmarkt. 

 

Übrigens, an der IT-Messe vor dreissig Jahren wurde unser Unternehmen für den besten Stand ausgezeichnet und die Ergebnisse stimmten.

Die Identifikation mit dem Job und der Firma kann blind und krank machen

Wo bleibt Deine Identität wenn es den Job und die Firma nicht mehr gibt? Ist sie im Eimer?

ein kleiner abstand nützt Dir, deinem job, deiner firma und deiner gesundheit

Mit Abstand betrachtet erkennst Du besser und objektiver das Erforderliche. Kritik und Selbstkritik machen nicht krank sondern werden entemotiona-lisiert.

Sei solidarisch mit deinem Arbeitgeber und deinem job

Du ziehst mit deinem Arbeitgeber am gleichen Strang, erbringst bestmögliche Leistungen und trägst deinen Teil dazu bei, dass es deinem Arbeitgeber und dir heute, morgen und übermorgen gut geht. Dafür bekommst du Wertschätzung und wirst bezahlt.

Soviel. Nicht mehr und nicht weniger!

behalte deine identität

Verknüpfe, bei allem Engagement, nicht deine Identität, Dein Ich und dein Wohlbefinden mit deiner Arbeit. Halte einen kleinen Abstand. Vergiss nie: Gibt's deinen Arbeitgeber nicht mehr, oder ist er nicht mehr auszuhalten, oder wird dein Job gar wegdigitalisiert - du bist bleibst dein Ich samt deiner Identität!

Selbstwertmedizin + gefragte eigenschaft - besonders heute

Mit Veränderungen, kulturellen Unterschiedlichkeiten und vor allem mit Ungewissheiten gut und stressfrei umgehen können ist Ambiguitätstoleranz. Sie ist eine wichtige persönliche Eigenschaft, oder neudeutsch ein Softskill.

Die Ambiguitätstoleranz-Schocktherapie meines Chefs vor dreissig Jahren war für mich lebensbeeinflussend, hielt mich berufsfit und burnoutfrei.



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